09.05.2016
Große dpa-Meldung rückt die Arbeit im Justizvollzug für´s öffentliche Bewusstsein ins rechte Licht

Mit Beteiligung des BSBD-Landesverbandes:

 

Ø  Große dpa-Meldung rückt die Arbeit im Justizvollzug für’s öffentliche Bewusstsein ins rechte Licht:

 

Hinter verschlossenen Türen: Der harte Job von JVA-Beamten

Von Anika von Greve-Dierfeld, dpa

 

Tür aufschließen, Tür zuschließen und ab und zu mal eine Zelle kontrollieren. Viel mehr muss ein Justizvollzugsbeamter im Gefängnis nicht machen? Doch, muss er. Da drinnen zu arbeiten, ist ein harter Job. Da draußen wissen das die Wenigsten.

 

Bruchsal (dpa/lsw) - Schließer. Oder Wärter, noch schlimmer. Solche Bezeichnungen für ihren Beruf wollen die Justizvollzugsbeamten Jürgen Penz und sein Kollege nun wirklich nicht hören. Nicht in Fernsehkrimis und auch sonst nicht. «Wir arbeiten ja schließlich nicht im Zoo, sondern mit Menschen», sagt der 48-jährige Penz. «Und unsere Arbeit ist so viel mehr als Zellen auf- und zuschließen», fügt sein 44 Jahre alter Kollege hinzu. Er will ungenannt bleiben. Beide sind rund zwei Jahrzehnte im Dienst, 18 Jahre der eine und 21 Jahre der andere. Zwei von rund 3800 JVA-Beamten im Land. In der Justizvollzugsanstalt (JVA) Bruchsal kümmern sie sich im vierten Flügel gemeinsam mit ihren Kollegen um 86 Gefangene. Meist im Vier-Schichtbetrieb und an sieben Tage die Woche.

JVA-Beamter ist ein harter Job. Nicht unbedingt körperlich, auch wenn Schichtarbeit belastend ist, erzählt Penz. «Aber vom Kopf her.» Was man da alles sieht und erlebt. «Man braucht ein dickes Fell.» Beide beschreiben ihren Job als Gratwanderung zwischen Händchen halten und Arschtreten. Sie trösten und schlichten. Sie organisieren Arztbesuche, leiten Gesprächsgruppen. Sie versuchen, jeden im Blick zu behalten. «Was glauben Sie, was da in der Öffentlichkeit los wäre, wenn sich jemand was antut und wir hätten es nicht gemerkt», sagt Penz' Kollege.

In «ihrem» Flügel sitzen Menschen, die Schlimmes getan haben. Beispielsweise solche, für die nach der eigentlichen Haftstrafe in Bruchsal die Sicherheitsverwahrung in Freiburg ansteht. Einer der Häftlinge im vierten Flügel ist so gefährlich, dass er aus der Zelle nicht raus darf. 

Der Morgen beginnt um sechs Uhr mit der «Lebendkontrolle». Die Zellentüre wird kurz aufgeschlossen, irgendein Lebenszeichen vom Häftling erwartet. Ein schläfriges Grunzen, einmal den Arm kurz heben reicht. Das Frühstück ist schon in der Zelle, es wird immer schon am Vorabend mit dem Abendessen gebracht.

Vertrauenswürdige Häftlinge fahren den Wagen mit dem Essen an jeder der Einzelzellen vorbei. Post wird verteilt, deshalb geht ein JVA-Beamter mit. «Hey, Du hast jemand vergessen», ruft der. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Penz und sein Kollege verbringen mit so manchem Langzeithäftling seit Jahren jeden ihrer Arbeitstage. Sie kennen jeden beim Namen, kennen die Eigenheiten. Das begangene Verbrechen kennen sie in der Regel nicht - obwohl sie die Akte eigentlich lesen dürfen. 

«Wir gucken da nicht rein», sagt Penz. Das sei auch besser so für ihre Seele und für ihre Arbeit eher förderlich. Schließlich sollen alle Häftlinge gleich behandelt werden. Das klappt besser, wenn man sich auf die Zeit im Gefängnis konzentriert. Und nicht auf das, was den Strafgefangenen dorthin gebracht hat. 

Auf der Galerie, von deren Rückseite die Zellentüren abgehen, stehen viele Häftlinge rum. Mitten unter ihnen die JVA-Beamten. Sie sind ansprechbar für alles und jedes. Ein schwarzbärtiger Mann mit fahrigen Augen will sein gemietetes Kühlschrankfach verlängern. Ein JVA-Kollege wirft einem am ganzen Arm tätowierten Insassen die gewünschten Schmerztabletten zu. Ein anderer will mit seiner Mutter telefonieren, obwohl er gerade kein Geld hat für eine Telefonkarte. 

Die Häftlinge sind alles Mögliche: Freundlich, zurückhaltend, bemüht oder auch unberechenbar, impertinent, verbittert. Die JVA-Beamten sollen vor allem eines sein: ausgeglichen. Ein Fels in der Brandung. Immer ruhig und bestimmt. Nicht einfach, sagen die beiden Bruchsaler Beamten. Nicht jeder Häftling ist 'pflegeleicht'; für manche sei die Uniform ein rotes Tuch. 

«Wir sind oft der erste Prellbock für alles, was in der Haft schiefläuft», sagt Penz. «Dass man verbal angegangen wird, ist an der Tagesordnung.» Fäkalsprache, Beschimpfungen auch. Nicht immer reagiert man souverän. Dennoch: Verfahren gegen Vollzugsbedienstete sind nach Angaben des Justizministeriums die große Ausnahme. Ihre Zahl werde aber nicht zentral erfasst.

«In den Gefängnissen lebt eine schwierige Klientel», sagt Alexander Schmid, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Strafvollzugsbediensteten (BSBD). Viele Häftlinge sind psychisch auffällig, «so manch einer gehört eher in eine psychiatrische Klinik als ins Gefängnis», bestätigt der Bruchsaler JVA-Leiter Harald Egerer. Das macht den Job der JVA-Beamten schwerer als er ohnehin ist. «Der Krankenstand liegt bei durchschnittlich 21 Tagen», sagt Schmid. Bemühungen um die seelische Betreuung seien da, «aber es ist sehr punktuell».

«Unser Beruf ist interessant und abwechslungsreich, aber auch enorm anstrengend», bestätigen Penz und sein Kollege. Manchmal bedankt sich ein Häftling, manchmal gibt es ein Lob, für das, was die Beamten für ihn tun. «Das tut gut.» Die beiden konzentrieren sich auf die Zeit, die der Gefangene absitzt. Das Davor und das Danach ist irrelevant. «Ich bin nicht dafür zuständig, dass ein Häftling büßt», sagt Penz. Dafür habe ja schon der Richter gesorgt. «Wir wollen die Häftlinge anständig behandeln und anständig behandelt werden.»

 

Gewalt gegen JVA-Beamte wächst - Umfrage soll Probleme offenlegen 

Das Justizministerium fragt und viele antworten: Eine Umfrage unter allen JVA-Beamten im Land zu ihren Arbeitsbedingungen stößt auf hohe Resonanz. Mit Ergebnissen wird bis zum Sommer gerechnet. Mögliche Konsequenzen daraus muss wohl der neue Justizminister umsetzen.

 

Bruchsal/Stuttgart (dpa/lsw) - Schwieriges Arbeitsumfeld, Gewalterlebnisse, hoher Krankenstand: Die Nöte von Beamten im Justizvollzug sind groß. Eine umfangreiche Befragung aller Justizvollzugsbeamten im Land soll Aufschluss darüber bringen, wo in dem belastenden Job der Schuh drückt und wie die Arbeitsbedingungen verbessert werden könnten. «Es gab einen Rücklauf von 66 Prozent», sagt Alexander Schmid, Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Strafvollzugsbediensteten (BSBD). «Das zeigt, dass die Betroffenen Nöte haben und gerne nach ihrer Arbeitssituation gefragt werden.» 

Die Umfrage unter allen rund 3800 JVA-Beamten im Land war vom Justizministerium unter dem scheidenden Minister Rainer Stickelberger (SPD) angeleiert worden. Die Auswertung sei bereits in vollem Gange; mit Ergebnissen werde bis zum Sommer gerechnet, sagte ein Ministeriumssprecher.

Abgefragt wurden unter anderem die Arbeitsbedingungen, das Betriebsklima und die Zufriedenheit im Job. Besonderes Augenmerk galt dem «Erleben von Gewalt, Spannungen und Diskriminierung». Es werde einen Bericht für jedes einzelne Gefängnis im Land geben.

Schmid monierte unter anderem die zu niedrige Besoldung. «Rund 85 Prozent der JVA-Bediensteten sind im mittleren Dienst - das ist nicht so attraktiv wie auf dem freien Markt», sagte er. Notwendig sei unter anderem ein «intensives Nachdenken» über ein zukunftsfähiges Personal-Besoldungs-Modell. Anreize gebe es bereits unter anderem über Zulagen und eine Altersgrenze von 62 Jahren für den Ruhestand, sagte dazu das Ministerium.

Problematisch ist nach Worten Schmids außerdem nach wie vor die Belastung der JVA-Beamten durch immer mehr psychisch auffällige Häftlinge. Sie seien unter anderem der Grund dafür, dass die Zahl der Übergriffe gegen Gefängnis-Bedienstete steige, sagte der Ministeriumssprecher. «Die Zahl der Übergriffe hat sich 2015 im Vergleich zum Jahr 2014 deutlich erhöht.» Verfahren gegen Vollzugsbedienstete seien hingegen die große Ausnahme. Ihre Zahl werde aber nicht zentral erfasst.

Um die seelische Betreuung der Beamten kümmere man sich immer noch zu wenig, monierte Schmid. Er forderte von der künftigen Regierung, den Empfehlungen der Expertenkommission vom Juni vergangenen Jahres zu folgen. Sie hatte nach dem Hungertod eines psychisch kranken Häftlings in Bruchsal (Kreis Karlsruhe) ein ganzes Paket von Vorschlägen erarbeitet. «Ich hoffe, dass diese Ansätze nicht mit dem Regierungswechsel sterben», sagte Schmid. «Wir brauchen eine Reha des Justizvollzugs. Es bringt nichts, immer neue Pflaster aufzukleben.»


Baden-Württemberg und seine Justizvollzugsbeamten 

 

Bruchsal (dpa/lsw) - In Baden-Württemberg kümmern sich rund 3800 Justizvollzugsbeamte um derzeit gut 7000 Gefangene. Damit kommen etwas mehr als 50 JVA-Bedienstete auf 100 Häftlinge. Einen festen Personalschlüssel gibt es allerdings nicht. Wie viele Beamte in einem Gefängnis arbeiten, richtet sich nach den Bedürfnissen und den Aufgaben der jeweiligen Haftanstalt.

Der Beruf gilt wegen des Schichtdienstes und des Arbeitsumfeldes als belastend. Durchschnittlich war ein baden-württembergischer JVA-Beamter im vergangenen Jahr mehr als 21 Tage krank.

Die Zahl der Übergriffe von Häftlingen gegen das Gefängnispersonal steigt nach Angaben aus dem Justizministerium: Im Jahr 2015 wurden 24 Übergriffe gezählt, bei denen 34 Bedienstete verletzt wurden. Erfasst wurden nur die Angriffe, die zur Erkrankung von Beamten führten. Leichtere Tätlichkeiten wurden nicht mitgezählt.

 

 

 

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